Um die Qualität von Trinkwasser wird hart gerungen

Um die Qualität von Trinkwasser wird hart gerungen

Redaktion A.S. Allgemein Leave a Comment

Die Verbraucherzentrale ist der Frage nachgegangen, ob unser Trinkwasser ein adäquater Ersatz für Mineralwasser sein kann. Eine Studie vom März 2020 belegt: „Leitungswasser ist der ideale Durstlöscher. Es ist in Deutschland überall von sehr guter Qualität. Leitungswasser ist etwa 100 mal preiswerter als Mineralwasser aus Flaschen. Die Klimabelastung durch Mineralwasser ist in Deutschland im Durchschnitt 600 mal höher als bei Leitungswasser.“ Der Verzehr, so die Verbraucherschützer, sei nicht nur unbedenklich sondern zugleich ökologisch sinnvoll.

Trinkwasser ist unser Grundnahrungsmittel Nr.1

Trinkwasser ist gleichzeitig eines der am meisten diskutierten, reglementierten und umkämpften Nahrungsmittel weltweit. Längst nicht jeder Mensch hat Zugang dazu. Der Kampf um sauberes Trinkwasser ist oft schmutzig. Dabei stellt sich die Frage, was „sauberes“ Wasser überhaupt ist. Wie so oft ist der Mensch selbst gleichzeitig größter Nutznießer und Verschmutzer seines Grundnahrungsmittels Nr.1.

Wasserqualität – was ist das?

Die Qualität des Trinkwassers als wichtigstes Lebensmittel wird bei uns in Deutschland durch die Trinkwasserverordnung des Bundesgesundheitsministeriums gewährleistet. Den Vollzug der Trinkwasser-Verordnung stellen die Bundesländer sicher. Bevor Grund-, Talsperren- oder Flusswasser als Trinkwasser in unsere Haushalt gelangt, muss es wändig aufbereitet werden, damit es zum Verzehr frei von Schadstoffen und Krankheitserregern ist.

Das ist nicht in allen Staaten der Fall. In vielen unserer Nachbarländer kann Leitungswasser nicht getrunken werden, weil es etwa von der Aufbereitung im Wasserwerk einen chlorhaltigen Beigeschmack hat. In anderen Ländern wird empfohlen, Leitungswasser vor dem Verzehr abzukochen. In Deutschland kennen wir solche Warnhinweise nur noch selten – etwa wenn ein Brunnen vorübergehend mit Keimen belastet ist.

Das Umweltbundesamt hat nach einer Auswertung aller behördlichen Trinkwasseranalysen zwischen 2014 und 2016 festgestellt: „Das Leitungswasser in Deutschland ist flächendeckend von sehr guter Qualität“. Der jüngste Bericht wurde am 17.10.2019 vorgelegt.

Trinkwasser wird nicht verbraucht – es gelangt in den Kreislauf zurück

“Wasser ist keine endliche Ressource wie zum Beispiel Erdöl oder Erdgas. Wasser kann nicht verbraucht werden“, erklärt das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit grundsätzlich, „es wird lediglich genutzt und gelangt danach in den Kreislauf zurück.“ Weltweit gehört Deutschland zu den wasserreichen Ländern. Hier werde die sich erneuernde Wassermenge etwa zu einem Viertel „genutzt“, gut vier Prozent davon als Trinkwasser. Trinkwasser werde mit über 70 Prozent aus dem Grundwasser gespeist.

Die Qualität des Trinkwassers vor Ort kann beim zuständigen Wasserwerk abgefragt werden. Die Belastungen unseres Leitungswassers hängt auch vom Zustand der Wasserleitungen im Haus und der Zuleitungen ab. Sanierungen nach Rohrbruch verändern die inneren Oberflächen der Rohrleitungen. Bei längerer Abwesenheit sollte vor dem ersten Schluck Wasser aus dem Hahn das in der Leitung stehende Wasser abgelassen werden. Bei nicht erhitztem, stehendem Leitungswasser können sich gefährliche Legionellen-Keime bilden.

Nitrat- und Phosphat-Belastung aus der industriellen Massentierhaltung

Umweltorganisationen wie Greenpeace zweifeln die vom Umweltbundesamt attestierte „flächendeckend sehr guter Qualität“ unseres Trinkwassers seit Jahren an. Jährlich werden in Deutschland rund acht Millionen Tonnen Fleisch produziert, so Greenpeace. Dabei fallen jedes Jahr über 140 Millionen Kubikmeter Gülle an.

Zu viel für die Äcker, sagt Greenpeace: Überschüssige Nährstoffe wie Nitrat und Phosphat gelangten in Bäche und Flüsse und anschließend ins Meer. Nitrat könne im menschlichen Körper zu giftigem Nitrit werden. Dies sei besonders für Schwangere und Säuglinge gefährlich. Antibiotikaresistente Keime und Nitratstickstoff aus der Massentierhaltung sickeren an vielen Stellen ins Grundwasser.

Die Organisation zitiert aktuelle Testergebnisse des Umweltbundesamtes, wonach der Nitratgehalt in Gebieten mit viel Landwirtschaft an 28 Prozent der Messstellen über dem gesetzlichen Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter liegt. Ist Trinkwasser zu stark belastet, müssen Wasserwerke sauberes Wasser beimischen. Reicht das nicht aus, hilft nur eine technische Reinigung. „Eine kostspielige Angelegenheit“, so Greenpeace, „die der Verbraucher tragen muss“.

Wie verseucht sind Deutschlands Flüsse und Seen?

Greenpeace hat in einer eigenen Studie die Wasserqualität der Ostsee und ihrer Zuflüsse im Blick. Von der dänischen bis zur polnischen Küste untersuchte die Crew der Beluga im Jahr 2018 Sauerstoffgehalt, Nährwert- und Mikroplastikbelastung. Bei einer Informations- und Messtour durch 22 Städte nahm Greenpeace im April 2018 Wasserproben. Vor Ort wurden diese auf Rückstände aus der Massentierhaltung wie etwa Nitrat und Phosphat untersucht. Außerdem ließ Greenpeace eigene Wasserproben im Labor auf multi-resistente Keime prüfen.

Das Ergebnis veröffentlichte die Umweltorganisation in einer Broschüre.

Aktuell aufgelegt wurde auch der Ostsee-Report: „Tote Zonen vor der Küste, Gülle und Überdüngung“

Die Organisation hat zum Thema Nitrat ein eigenes Erklär-Video gepostet.

Die Qualität des deutschen Grundwassers gehört zu den Schlechtesten in der EU

„Seit vielen Jahren übersteigt die Nitratbelastung an knapp einem Fünftel der Grundwasser-Messstellen in Deutschland den Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter. Neben der Beeinträchtigung des Ökosystems“, so berichtet das Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e.V., steht nitratbelastetes Trinkwasser im Verdacht, Krebs zu erzeugen.

Wegen zu hoher Nitratbelastungen in Deutschlands Grundwasser und unzureichender Gegenmaßnahmen, so das Berliner Institut, hat die Europäische Kommission beim Europäischen Gerichtshof (EuGH) im Jahr 2016 ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Als Reaktion darauf reformierte die Bundesregierung 2017 die Düngeverordnung (DüV). Da auch dies nicht ausreichte, strengte die Europäische Kommission 2019 ein zweites Verfahren gegen die Bundesregierung an. Bei einer erneuten Verurteilung drohen laut Institut Geldstrafen von bis zu 850.000 Euro täglich.

Überdurchschnittlich hoch seien die Nitrat-Konzentrationen in Sachsen (41,8 mg/l), Niedersachen (40 mg/l), Schleswig-Holstein (37,3 mg/l), Rheinland-Pfalz (37,3 mg/l) und Sachsen-Anhalt (35,4 mg/l).

Die beobachteten Überschreitungen des Nitratgrenzwerts, so das Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e.V., seien indes keine einmaligen Befunde: „Die Messwerte liegen seit vielen Jahren auf konstant hohem Niveau. Sowohl im Gesamt- als auch im Teilmessnetz Landwirtschaft liegt der Anteil der Messstellen, die den Grenzwert überschreiten, relativ konstant bei etwa 18 beziehungsweise 28 Prozent.“

Arzneimittel im Trinkwasser

Das Greenpeace-Magazin vom Feb 2020 widmet sich in einem Artikel einem Thema, das seit Jahrzehnten hochbrisant ist: Arzneimitteln in Trinkwasser und Flüssen.

„Arzneimittel gehören nicht in die Umwelt. Trotzdem finden sich in Gewässern immer mehr Spuren von Antibiotika, Blutdrucksenkern und Hormonpräparaten. Arzneimittel gelangen massenweise in die Umwelt“, so Greenpeace, „auch unser Trinkwasser ist betroffen.“

Schätzungen des Umweltbundesamtes (UBA) zufolge verwendeten die Deutschen jedes Jahr rund 8.100 Tonnen Medikamente. Darin enthalten seien etwa 2.300 verschiedene Wirkstoffe, von denen das UBA bereits 269 in Bächen, Flüssen und Seen im ganzen Land nachweisen konnte.

Was dies für die Trinkwasserqualität in Deutschland bedeute, dieser Frage ist der Bundestagsausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung nachgegangen und hat das Büro für Technikfolgen-Abschätzung des Bundestags mit einem entsprechenden Bericht beauftragt.

Offensichtlich noch unwegsames Terrain: „Weil das Eintreten negativer Effekte unsicher ist, wird diskutiert, welche Anhaltspunkte und Hilfestellung das Vorsorgeprinzip bei der Bewältigung dieser Konflikte leisten kann“, fasst der Berichtzusammen: „Aus Laborversuchen und ersten Felduntersuchungen gibt es interpretationsbedürftige Hinweise, dass Gewässerökosysteme durch Arzneimittelrückstände in Kombination mit anderen Mikroverunreinigungen beeinträchtigt werden können.“

Greenpeace stellt klar: „Weil ein großer Teil der Medikamente den Körper unverändert durchwandert und viele Kläranlagen Arzneiwirkstoffe nicht aus dem Abwasser herausfiltern, finden sich in Gewässern Rückstände von Schmerzmitteln, aber auch Arzneien gegen Epilepsie, Antibiotika, Blutdrucksenker, Betablocker und Antidepressiva. Konzentrationen im Bereich von 0,1 bis 1 Mikrogramm pro Liter sind häufig.“ Die Erfahrung in Kläranlage ist, dass bisweilen am Zulauf und nach der Reinigung ganz unterschiedliche chemische Verbindungen nachgewiesen werden können. Eine Reaktion von Stoffen untereinander ist wahrscheinlich.

Auch im Trinkwasser seien bei Stichprobenanalysen bereits vereinzelt Spuren von Arzneimitteln gefunden worden, zitiert Greenpeace den Bericht. Allerdings bisher in so geringen Mengen, dass sie für Menschen wohl noch kein Risiko bergen. Die Trinkwassertoxikologen des Umweltbundesamtes warnten bereits seit Jahren davor, dass es unverantwortlich sei zu warten, bis womöglich doch Gesundheitsschäden nachweisbar sind. Denn das Problem wächst mit der Zeit: Experten des Instituts für Technikfolgenabschätzung in Karlsruhe prognostizieren, dass in einer alternden Bevölkerung mehr Menschen regelmäßig Medikamente nehmen und sich dann umso mehr Arzneimittelreste auch in der Umwelt und im Trinkwasser finden lassen werden.

Bei einem Runden Tisch des Bundes-Uweltministeriums mit Vertretern von Industrie, Wasserwirtschaft, Umweltverbänden und aus dem Gesundheitssektor wurde bereits über den künftigen Umgang mit Röntgenkontrastmitteln wie der Seltenen Erde Gandolinium diskutiert. Ein Metall, das in hoher Konzentration sehr giftig ist. Der Trend zu mehr MRT-Untersuchungen könne seine Konzentrationen im Trinkwasser weiter ansteigen lassen.

Die Bundestagsfraktion der Grünen formulierte im Frühjahr 2019 in einem Antrag: Durch die Nachrüstung von Kläranlagen „könnten jedes Jahr zusätzliche Kosten von mindestens 1,2 Milliarden Euro entstehen“. Bisher gibt es in Deutschland nicht einmal eine einheitliche Regelung zur fachgerechten Entsorgung von Medikamenten und Arzneimitteln in Privathaushalten.

Gülle, Pillen, Müll – Was in Bayerns Trinkwasser sickert

Der Bayrische Rundfunk nimmt sich der Wasserqualität mit einem Schwerpunktthema an. Unter dem Titel „Gülle, Pillen, Müll & mehr – Was in Bayerns Trinkwasser sickert“, wird eindringlich vor einer Gefährdung des Trinkwassers durch den Verursacher Mensch gewarnt: „Was auch immer wir in die Umwelt entlassen – es fließt mit dem Regen in die Böden und von dort ins Grundwasser, unserer wichtigsten Trinkwasser-Quelle. Dort hält es sich, jahrzehntelang. Das Pflanzenschutzmittel Atrazin etwa findet man heute noch im Grundwasser, obwohl dieser Stoff schon seit 1991 verboten ist.“

Dünner Boden, Dünger, Medikamente, alte belastete Wasserleitungen sind die Stichworte, die das Thema eingrenzen.

Intensive Landwirtschaft mit starkem Düngemitteleinsatz gefährdet das Grundwasser. Das zeige sich zum Beispiel in der Region um Würzburg: „Hier belastet die intensive Wein- und Landwirtschaft gepaart mit einer geringen Niederschlagsmenge auf schlecht filterndem Karstgestein das Grundwasser. Es enthält vielerorts zu viel Nitrate”, sagt Hydrogeologe Dr. Alfons Baier. Energiepflanzen wie Mais und Raps müssen stark gedüngt werden. Das Gärsubstrat von Biogasanlagen wird wieder auf die Felder ausgebracht, was zu noch höheren Nitratwerten führt“.

Medikamente und Nanopartikel passieren Kläranlagen ungefiltert, werden in die Flüsse geschwemmt und gelangen so in die Nahrungskette. Dokumentiert die BR-Redaktion Wissen. Auch Rohrleitungen können Grund von Trinkwasserverschmutzungen sein. Zum Beispiel durch schadstoffhaltige Materialien oder falsche Verlegung.

Nicht zuletzt gelangen Abgase aus Industrie, Verkehr und Privathaushalten über den Regen ins Grundwasser. Ebenso der Abrieb von Bremsen und Reifen, der genau wie Benzinlachen, Ölreste und andere Chemikalien von der Straße in den Boden geschwemmt wird. Und auch in Mülldeponien und Altlasten bildet sich Sickerwasser, das gefährliche Gifte in sich trägt. Hochbrisant sind die Rückstände hochgefährlicher chlorhaltiger Verbindungen, die über Generationen hinweg im menschlichen Organismus aktiv sind. Deren Abbauprodukte sind oft noch giftiger als die Grundsubstanzen selbst.

Hormone aus Textilien und Reingungsmitteln

Rund 880.000 Tonnen Kleidung importiert Deutschland jährlich aus fernen Ländern, recherchiert der Rundfunksender „Bayern 2“. 2011 stellte die Umweltorganisation Greenpeace bei einer Studie fest, dass sich in zwei Dritteln von 72 importierten Kleidungsstücke von namhaften Marken teils hohe Mengen NPE (Nonylphenol) befanden. Das bei uns seit Langem verbotene Reinigungsmittel wäscht sich schon bei der ersten Reinigung aus. In Kläranlagen werde NPE zum Umweltgift NP abgebaut, einer östrogen wirkenden Substanz mit hoher Bioakkumulation. Das heißt: das Hormon gerät in die Nahrungskette und wird dort weitergegeben. Mit verheerender Wirkung etwa auf die Fortpflanzung von Fischen.

Bildquelle: Canva

Eine aktuelle Studie von Öko-Test belegt: Fast jede fünfte Mineralwasserquelle ist verunreinigt.

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